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Das Zeichensystem des Yijing Das »Yijing – Das Buch der Wandlungen« ist ein Weisheitsbuch und Orakelbuch, dessen Texte die Bedeutung der obigen 64 Hexagramme, der Orakelzeichen, beschreibt.
Das Orakel Der Ursprung des Buches und der Zeichen des Yijing entspringt der Orakeltradition des alten China. Die ersten chinesischen Hochkulturen (zu Beginn des Neolithikums, 5000-2000 v. Chr.) nutzten die Fähigkeiten der Schamanen zur Wahr- und Vorhersagung, um Wetterphänomene und Naturereignisse, die die landwirtschaftliche Existenz der Gemeinschaft bedrohen könnten, vorherzusehen und die Gefahren durch Präventivmaßnahmen zu mindern. Dazu wurde die »Hellsichtigkeit« der aus Sibirien eingewanderten Schamanen genutzt, die ihre Kenntnisse aus den Beobachtungen von Naturphänomene und ihrer Gesetzmäßigkeiten ableiteten. Die Wahrsagungen wurden mittels ritueller, magischer und mantischer Orakeltechniken ermittelt und mit dem Wissen aus den Naturbeobachtungen und Erfahrungen der Schamanen zu Orakeldeutungen vermischt. Mythologie und Geschichte Die Erfindung der Trigramme (in einem anderen Unicodeblock von U+2630 bis U+2637) und der obigen Hexagramme wird dem mythisch-verklärten chinesischen Kaiser Fu Hsi zugeschrieben. Er soll die acht Trigramme auf dem Rücken einer magischen Schildkröte entdeckt und aus ihnen die 64 Hexagramme gebildet haben. Diese Zeichen wurden über 2000 Jahre mit mündlich überlieferten Weisheiten und Bedeutungen zur Orakelnahme benutzt, bis König Wen und der Herzog von Dschou die erste Niederschrift zur Bedeutung der Zeichen verfassten: Das »I Dschou«. Diese Buch bildet die Grundlage der Weisheiten des Yijing, die von verschiedenen Gelehrten über mehrere hundert Jahre untersucht und weiterentwickelt wurden. Orakeltechniken und Zeichenform Zu Beginn wurde chinesischen Orakeltradition (um 5000 v. Chr.) benutzte man das Knochenorakel, eine Technik, die die sibirischen Einwanderer nach China brachten. Hierzu wurden magischen Schriftzügen oder Fragen auf Rinderknochen, später Schildkrötenpanzer, geritzt. Dann wurde eine heiße Bronzenadel durch eine Seite des Knochens gedrückt. Die Art der Risse und die Geräusche des Knochens, die man als das »Sprechen des Orakels« bezeichnete, deuteten die Schamanen, später Priester, in Bezug auf die gestellte Frage. Die ersten Inschriften dieser Knochen könnten als Vorlage für die Hexagramme gedient haben, sicher ist aber das diese Zeichen der Ursprung der chinesischen Schrift sind. Im weiteren Verlauf wurde das Knochenorakel durch Pflanzenstängel-Orakel ersetzt (um 1050 v. Chr.). Der Ursprung der Zeichenform der Yijing-Zeichen liegt wohl im Schafgarben-Orakel. Bei dieser Orakelbefragung wurden 50 Stängel mittels komplizierter Auszähl- und Ziehungs-Methoden zu einem Hexagramm gezogen, das darauf zur gestellten Frage gedeutet wurde. Die binäre Codierung von Yin und Yang durch einen gebrochenen und einen ungebrochenen Strich rührt aus einer früheren ähnlichen, schamanischen Stäbchen-Orakeltechnik, bei der die Stäbchen geknickt oder ungeknickt waren. Der Knick wurde durch die Darstellung des gebrochenen Stäbchens ersetzt. Die Form des Strichs oder der Linie entspringt der Form der länglichen Stängel als Abstraktion und Reduktion auf ein Zeichen. Das Zeichensystem Die Zeichen des Yijing basieren auf dem jahrtausende alten chinesischen dualistischen Prinzip von Yin und Yang. Diese beiden polaren Urkräfte der Natur sind nach der Auffassung der Chinesen die Urkräfte aller Schöpfung und der Ursprung des gesamten Lebens. Beide Pole sind dabei nicht abstoßend, sondern bedingen und bedürfen einander und befinden sich im ständigen Wandel zueinander. Verbildlicht wird dieses Prinzip im Symbol des Tai Chi, auch Yin-Yang-Symbol genannt (es findet sich unter U+262F). Die beiden Monogramme Yin (U+268B) und Yang (U+268A) sind die direkten Abbilder dieser Pole und sind die Grundzeichen des Yijing. Aus ihrer Kombination bildeten sich insgesamt vier Digramme (U+268C bis U+268F), daraus acht Trigramme (U+2630 bis U+2637) und daraus letztlich die 64 obigen Hexagramme. Bedeutungen und Bilder Da die Orakel-Wahrsagung der Beobachtung von Naturereignissen und Naturelementen entspringt, liegt hier auch die Wurzel der Bedeutung der Zeichen. Alle Zeichen des Yijing beschreiben Naturbilder und Zusammenhänge der Kosmologie der Welt. Die Trigramme bilden die Grundbausteine. Ihre Naturbilder, wie z. B. Himmel, Erde, Berg, See, Feuer, etc. tragen bestimmte Eigenschaften, aus denen Bedeutungen für das Zeichen gelesen werden. In der Kombination der Zeichen zu Hexagrammen entstehen so Wechselwirkungen zwischen diesen Grundelementen, deren Verhalten zueinander und aufeinander gedeutet wird. So ergeben sich alle Urteile und Bedeutungen zu den Zeichen aus der Natur und den Wechselwirkungen zwischen den Naturelementen. Die Zeichen des Yijing sind Symbole für die Bilder der Natur, ihre Bedeutung liegt in der Analyse der Beziehungen der Naturelemente zueinander. Literatur und Quellen [1] Die Schule des I Ging – Hintergrundwissen, Franciscus Adrian, Eugen Diederichs Verlag, München, 1994 [2] Das Arbeitsbuch zum I Ging, R. L. Wing, Eugen Diederichs Verlag, München, 1988 [3] I Ging – Das Buch der Wandlungen, Richard Wilhelm, Eugen Diederichs Verlag, München, 1996 [4] Erfahrungen mit dem I-GING, Eugen Diederichs Verlag, Köln, 1984 [5] The World Atlas Of Divination, Headline, London, 1992 [6] Der Mensch und seine Zeichen, Adrian Frutiger, Fourier, Wiesbaden, 1989 [7] DuMonts Handbuch Zeichen und Symbole, Marion Zerbst / Werner Waldmann, DuMont monte Verlag [8] http://www.wikipedia.org, Wikipedia, die freie Enzyklopädie [9] http://afpc.asso.fr/wengu/wg/wengu.php?I=Yijing&I=Yijing |
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Ursprung der chinesischen Schrift Jeder Gedanke an chinesische Wissenschaften muss von der Eigenheit der chinesischen Schrift ausgehen. Ihre Zeichen – keine Buchstaben – sind über die Jahrhunderte aus Abbildern der Realität entstanden. Erst war es ein waagerechter, dann kam ein unterbrochener Strich hinzu. Diese wurden später gedoppelt und so kam man zu einem Abbild »der Vier«.
Mit der Dopplung der Trigramme zur »Sechs« (Hexagramm) standen bereits 64 Knoten zur Verfügung, aus denen ein Netz zur Ablage von Informationen geknüpft werden konnte. Sehr lange Zeiten gab es nur geschulte Sprecher, die nichts anderes als die acht Hauptbilder (Trigramme) und die aus deren Kombination entstandenen 64 Zeichen (Hexagramme) für ihre mündlichen Interpretationen benutzten. »Der echte Text des Yijing besteht allein aus 64 Zeichnungen, den Hexagrammen«, schrieb der Sinologe und Soziologe Marcel Granet 1934 in Paris. Die chinesische Schrift besteht aus Ideo- und Piktogrammen, die aus piktographischen (Bildsymbole), ideographischen (abstrahierte Piktogramme), von pikto- zu ideographisch gewandelten, zwei zusammengesetzten ideographischen und aus Zeichen für abstrakte Begriffe bestehen. Menschen, denen es, aus welchen Gründen auch immer, schwerfällt, das abstrakte System der Alphabete zu adaptieren, haben mit dem Erlernen chinesischer Bild-Zeichen weniger Probleme – sie sind ursprünglicher. Der Kunsthistoriker Lothar Ledderose bezeichnet die chinesische Pikto- und Ideographie als »modulares Baukastensystem«, in dem Einzelelemente immer neu kombiniert werden. Dies System scheint durch seine Logik leichter erlernbar zu sein als die Kürzel der Alphabetsprachen. Seitdem die Entwicklung digitaler Technik das Schreiben chinesischer Zeichen vereinfacht hat, ist der Erwerb der chinesischen Sprache leichter geworden. Auch das Yijing ist ein Zeichencode. Es erleichterte im Riesenland China die Kommunikation. Unverändert durch wechselnde Rechtschreibungen können Chinesen Texte aus allen Zeiten lesen. In der gesprochenen Sprache haben sich natürlich Dialekte entwickelt. Abschließend eine weitere Betonung der Didaktik des Lesespiels Yijing. Ohne die unterhaltsame Form des Wissenserwerb auf Grund von Zufallsentscheidungen wäre das Yijing schon längst in den Archiven chinesischer Bibliotheken verschwunden. [Mehr zu den chinesischen Zeichen im Unicodeblock "CJK Unified Ideographs Extension A" von U+3400 bis U+4DBF.] |
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Das Yijing und Europa: Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Yijing steht auf tönernen Füßen. Kaum eine Universität wagt es, durch eine Beschäftigung mit der kuriosen Spielerei ihren Ruf auf's Spiel zu setzen. Den weltweiten Benutzern, die sich mehr oder weniger regelmäßig mit dem Yijing unterhalten, verdirbt diese Ignoranz freilich nicht das intellektuelle Vergnügen.
Es waren jesuitische Missionare, die die Kunde von dem Spiel mit Stengeln oder Münzen (bei einer Prüfung der Gleich- und Binomialverteilung kam heraus, dass die Münzenverteilung normaler ist als die der Stengel; Reisinger) nach Europa brachten. Besonders der in Peking arbeitende Jesuit Pater J. Bouvet versuchte, mit dem Yijing eine Wesensgemeinschaft zwischen China und Abendland aufzudecken. Dazu führte er einen langjährigen Briefwechsel (von 1688 bis 1697) mit dem Philosophen und Mathematiker Gottfried Wilhelm Leibniz, der in dieser Zeit die Dyadik entwickelte - das Rechnen mit den Zahlen Null und Eins. Die nicht ganz aus der Luft gegriffenen Analogien, die man zwischen Null/Eins und yin/yang ziehen kann, sollten den Jesuiten die Missionsarbeit in China erleichtern. Leibniz, der sich als Universalgenie sehr für China interessierte (Novissima Sinica), trennte jedoch scharf zwischen dem von ihm entwickelten dualen Zahlensystem und dem binären Hexagrammsystem aus China. Dennoch kam es 1716 in seinen Abhandlungen über die chinesische Philosophie zu einem Satz, mit dem Leibniz den Jesuiten eine Steilvorlage für eine Legende gab: "So haben der hochwerte P. Bouvet und ich den eigentlichen Sinn ...(des Yijing) ... entdeckt." Auf dieser Äußerung basiert die "Legende vom Binären Zahlensystem", die Chinas Geistesgeschichte mit europäischer Mathematik verbinden sollte. (Hier ist nicht der Ort, um die erfolgreiche Kampagne nachzuzeichnen; Interessierten seien die Arbeiten von Zacher und Mungello empfohlen.) Mit Leibniz begann in Deutschland die seriöse Sinologie, die sich auch mit dem Yijing zu beschäftigen hatte. Der Engländer James Legge veröffentlichte 1882 eine Übersetzung. Die eines Textes, den man nur als einen von vielen Texten aus unterschiedlichsten Interpretations-Schulen bezeichnen kann. Auch die viel gelobte deutsche Übersetzung von Richard Wilhelm aus dem Jahre 1924 ist nur ein zeitgenössisches Fragment aus einer Unzahl von Kommentaren zu den 64 Zeichen. Der russische Sinologe Wladimir Shchutski kam 1960 in einer Auflistung auf neunzehn verschiedene Interpretationen des Yijing: Wahrsage-, Philosophie-Buch, Sammlung von Aphorismen, Lexikon, Lehrbuch der Logik, Notizbuch eines Politikers, Tricks einer Straßenhellseherei, Fälschung, Delirium, um nur einige aus der Liste zu erwähnen. Das Buch der Wandlungen war und ist wohl das meist umspekulierte Textwerk der Welt - nicht das meist erforschte. Den Sinologen Joseph Needham erinnert die Sprache der überlieferten Kommentare an Bürokratie und Administration. Für ihn ist das Yijing "in a sense a counterpart of bureaucracy on earth". Nicht zu Unrecht erwähnt er den staatsnahen Charakter der stets in Ordnung endenden Wandlungen. Die chinesischen Obrigkeiten griffen diverse Male zum Mittel der Bücherverbrennung, um ihr großes Land neu zu justieren. Es ging dabei hauptsächlich um Interpretationen der Staatsmoral Konfuzianismus. Das Yijing hat diese Verbrennungen stets relativ unbeschadet überlebt. Vielen europäischen Frauen stehen die Haare zu Berge, wenn sie die, teils sehr devoten, Texte um Heim und Herd lesen. Sei es der Schriftsteller Hermann Hesse oder der Mathematiker Norbert Wiener oder der Musiker John Cage, die Liste der Intellektuellen, die sich bei ihrer jeweiligen kreativen Arbeit von dem offenen System Yijing inspirieren ließen, ist lang. Literatur Granet, M.: Das chinesische Denken. (Paris, 1934) München, 1971. Legge, J.: The Yi King. (1.Auflage 1882) Oxford, 1899. Mungello, D.E.: Leibniz and Confuzianism. Honolulu, 1977. Needham, J.: Science and Civilisation in China. Cambridge, 1969. Reisinger, L.: Das I Ging - Eine formalwissenschaftliche Untersuchung. Wien, 1972. Shchutski, J.: Researches on the I-Ging. (Moskau, 1960) London, 1980. Zacher, H.J.: Die Hauptschriften zur Dyadik von G.W. Leibniz. Fr. a. Main, 1973. |
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Genetischer Code und Yijing Die Wissenschaftshistorikerin Lily E. Kay hat in ihrem Buch "Who wrote the Book of Life?" mehrfach angemerkt, dass der genetische Code im eigentlichen Sinne kein Code sei. Seine Codon-Tabelle bildet die Anweisungen für eine Molekülketten-Transformation ab: die von Nukleotidketten zu Peptidketten. Vier unterschiedliche Elemente, zwei doppelringige Purine und zwei einringige Pyrimidine in H-Brückenbedingter Komplementär-Paarung, kombinieren sich zu 64 dreistelligen Triplets, die 20+1 Anweisungen zur Verkettung von Aminosäuren steuern.
Nach der Entdeckung des Genetischen Codes fragten auch Linguisten, ob und welche Konsequenzen ihnen aus dieser Entdeckung entstünden? Resultat: die simple Ketten-Matrix 64/21 wurde zunehmend zur 'Sprache der Natur' erklärt. Lily E. Kay zeichnet in ihrer 'A History of the Genetic Code' akribisch nach, wie Naturwissenschaftler die Metaphern der Sprache übernahmen. Über Analogien zwischen Yijing und Genetischem Code schrieb Kay ab Seite 407: Genetischer Code und I Ging: ein ernster Scherz? Um 1969 wurde in Europa und in den Vereinigten Staaten von sehr unterschiedlichen fachlichen Gesichtspunkten aus bemerkt, daß das alte chinesische I Ging und der soeben vervollständigte genetische Code beachtenswerte Ähnlichkeiten aufwiesen. Zwischen dem dreitausendjährigen Buch der Wandlungen - einem symbolischen System zum Verständnis der menschlichen Erfahrung - und dem genetischen Buch des Lebens kamen auffallende Entsprechungen zutage. Beide symbolischen Systeme wollen die Muster in der Diversität erklären, und beide versuchen dies durch Permutationen von vier Grundelementen, die jeweils in Dreiergruppen gebündelt sind, was vierundsechzig Bausteine ergibt (Codons beim genetischen Code; Hexagramme beim I Ging). ... Wenn jede der vier DNA-Basen einem der Digramme zugeordnet wird (...), dann repräsentiert jedes der vierundsechzig Hexagramme jeweils ein Codon. Auf diese Weise kann die "natürliche" Ordnung der I Ging-Zustände den vollen Umfang des genetischen Codes erzeugen. ... Martin Schönberger war der erste, der diese Homologien detailliert augearbeitet hat. Ähnlich wie Jakobson sah er darin keine kontingenten Konvergenzen, sondern schrieb ihnen eine ontologische Bedeutung zu. Für ihn manifestierte sich im Buch der Wandlungen wie im Buch des Lebens ein universeller Informationsfluss, der ein kosmologisches Prinzip bildete. "Und doch werden wir nicht die Frage vermeiden können: Manifestiert sich in beiden 'Büchern' ein gemeinsames Prinzip? Handelt es sich hier vielleicht um einen universellen Code, der vor 5000 Jahren von den Chinesen entdeckt wurde - und vor 10 Jahren von Watson und Crick? Mit anderen Worten: gibt es nur einen einzigen Geist, dessen Manifestationen (=Information?) mit Notwendigkeit seinen Ausdruck in den 64 Wörtern des genetischen Codes einerseits, und andererseits in den 64 möglichen Zuständen und Entwicklungen des I Ging findet?" (Schönberger 1972, 34) Wie bei Jakobson lautete die Antwort ja und deutete auf ein Universum, das sich grundsätzlich von dem in Jaques Monods "Zufall und Notwendigkeit" gezeichneten unterschied. Anstatt das DNA-basierte Leben als ein Produkt des Zufalls anzusehen, sah Schönberger den Zufall als den Strukturen und Mustern des I Ging unterworfen. Der Mensch könnte, statt, wie Monod formuliert hatte, wie ein Zigeuner am Rande des Universums zu leben, vielmehr ein tiefes Sicherheitsgefühl empfinden, das davon herrührte, dass er physisch und geistig in eine natürliche Ordnung hineingeboren sei. Gewiss müssen Wissenschaftler solche spirituellen Überlegungen weit von sich weisen; allerdings legen sie damit einen doppelten Maßstab an: Wenn man die die auffallende Analogie zwischen dem I Ging und dem genetischen Code nicht gelten läßt, wie kann man dann die weitaus schwächere Analogie zwischen Sprache und DNA akzeptieren und sogar ontologisch verstehen. (Kay, 2002, 412) Lily E. Kay skizziert nach ihren Betrachtungen über die Gefahren, die zwischen Analogien und Isomorphien lauern, die Versuche von Manfred Eigen, die DNA-Linguistik weiter zu treiben. Mit Begriffen wie Protein-Semantik, Lebensspiel, Evolutionsreaktor und biomolekulare Linguistik beteiligte sich der Nobelpreisträger aktiv an der Alphabetisierung der Translationstabelle zur Herstellung von Eiweißen. An diesen Mechanismen herumzuspielen ist die Gen-Technologie viele Schritte vorangekommen. Das erfolgreichste autorlose Projekt dieses Planeten präzise erklären zu können, sind wir jedoch weit entfernt. "Jeglicher Versuch, ein Phänomen wissenschaftlich zu erklären, muss ... darin bestehen, einen Mechanismus zu entwickeln, der das zu erklärende Phänomen erzeugt." (Maturana 1982, 16) Milliardenfach zusammengeschaltete Computer entwickeln, deren kleinste Bauteile aus Chips bestehen? Auf makromolekularen Nachbau gewachsener Zellkern-Chemie werden wir noch sehr, sehr lange warten; derzeitige Rechner-Architekturen sind zutiefst artifiziell. Trotz erheblicher Erkenntnismängel darüber, wie Zellsysteme im Detail Sprache generieren, bleibt das Wissen, dass innerhalb von 64er-Systemen hoch pragmatische Prozesse ablaufen können, wenn eine Algorithmen nutzende Matrix die teilnehmenden Elemente kanalisiert. Mehr bildlich: Zum Schach bedarf es eines Untergrundes aus acht-mal-acht schwarz-weißen Feldern, um zwei Königspaare mit zwölf Offizieren und sechzehn Bauern zu schützen. Eine 'Auskunft' vom Yijing kostet drei Münzen oder 49 Stengel nebst Stift. Mit Werfen oder Teilen baut man sich eins von 64 sechsstufigen Hexagrammen auf. Das echte organische Spiel des Lebens basiert auf 64 komplementär aufgebauten Drillingen, die sich ein-, zwei- und dreifarbig, auf Basis eines vierfarbigen Spektrums, milliardenhaft spiralisieren - winzig und allgegenwärtig. Die Verschiedenheit dieser Systeme ist offensichtlich. Daher muss es heißen: Nur und nur in der Zahl 64 ähneln sich Yijing und genetischer Code. Nachfragen, besonders zur Mathematisierbarkeit der 64, sind dennoch erlaubt. Was meinte zum Beispiel Ernst Jünger, als er 1985 an den Arzt und '64er' Martin Schönberger schrieb: "Herzlichen Glückwunsch zu Ihrem glücklichen Funde; er hätte auch Leibniz erfreut"? Literatur Eigen, Manfred, Winkler, Ruthild, Das Spiel: Naturgesetze steuern den Zufall, München: Piper, 1975. Jacob, François, Die Logik des Lebenden, Frankfurt a. M.: Fischer, 1972. Jakobson, Roman, Semiotik. Ausgewählte Texte 1919-1982, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1988. Kay, Lily E.: Das Buch des Lebens - Wer schrieb den genetischen Code? (im Original: Who wrote the Book of Life? A History of the Genetic Code) München: Hanser Verlag, 2002. Maturana, Humberto R., Erkennen - die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit, Braunschweig/Wiesbaden: Vieweg, 1982. Monod, Jaques, Zufall und Notwendigkeit, München: DTB, 1971 Schönberger, Martin, The I Ching and The Genetic Code: The Hidden Key of Life, Santa Fe, N.M.: Aurora Press, 1992. (ursprünglich veröffentlicht unter dem Titel: Verborgener Schlüssel zum Leben, 1972.) |
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Yijing und Glasperlenspiel
Nach Wilhelm Leibniz war es der Schriftsteller Hermann Hesse, der die Rezeption Chinas schubartig in die Feuilletons der westlichen Welt hievte. Mit dem Roman 'Siddharta' setzte er Indien ein Denkmal, mit der Utopie vom 'Glasperlenspiel' China. Immer 'als Fährmann am Flusse sein' oder immer 'alles erspielen'? Davon ist die Frage bei Hermann Hesse. "Einmal gestand K. seinem Lehrer, er wünsche es dahin zu bringen, dass er imstande wäre, das System des I-Ging dem Glasperlenspiel einzubauen", schrieb Hesse in seinem 1943 erstmalig erschienenen Buch. (1972,142) Zwei Jahre später eröffnete der Suhrkamp-Verlag mit der voluminösen Spiel-Vision die verlegerische Nachkriegszeit. 1946 bekam Hesse den Nobelpreis für Literatur. In der Verleihungsrede von Anders Österlin heißt es: "Diese Denklehre fordert höchste Beachtung: der Begriff des Spiels und seine Rolle innerhalb der Kultur begegnet der tief durchdachten Studie des Holländers Huizinga, 'Homo ludens', auf erstaunlich gleicher Ebene." Wie im Detail der Einfluss des Yijing auf Hesse beschaffen war, bedarf weiterer Prüfungen. Klar ist, dass das 'Buch der Wandlungen' eine Rolle spielte. Für Adrin Hsia "scheint das Glasperlenspiel eine modifizierte Version des I Ging zu sein" (Hsia, 1974, 182). Diese Interpretation greift sehr kurz. Ein Dr. Jürgen Weber schreibt im Internet: "Möglicherweise hat die Beschäftigung mit diesem merkwürdigen Buch sogar die Idee für das Glasperlenspiel in Hesse überhaupt angestoßen." Sicherlich hat es Hesse bestärkt. Otto F. Bollnow, Erziehungswissenschaftler und Zeitgenosse von Hermann Hesse, sah im Glasperlenspiel eine "weit ausgespannte pädagogische Utopie" und ordnet es in die mit Platon's Staat anhebende Reihe der großen pädagogischen Visionen" ein (Bollnow, 1947, 58). Mit der Ludokratie von Musik, Spiel und Wissenschaften flüchtete Hesse vor der realen Diktatur von Hitler. Hesse träumte von einer transdisziplinären Bildungsrevolution. Zu Zeiten erdacht und geschrieben, in denen die Kriegskunst die größte padagogische Funktion besaß. Das Yijing mag vielleicht auch einer Vision entsprungen sein [in die Zeit zu schauen; gr.: horos-skopein], inzwischen gehört es zu einer großen pädagogischen Praxis. Mit dem Frage-Antwort-System wird seit Jahrhunderten Konfuzianismus gelernt. Die didaktische Wirkung des langlebigen Lehrbuches liegt im spielerischen Umgang, der alle Bildungsbarrieren zu unterlaufen scheint. Menschen jeden Bildungsstandes erhalten Einblick in die Vorstellungen, die sich frühe Chinesen von den Wandlungen der Natur machten. Mit ihren Spielregeln sorgen die 64 Hexagramme für entspannte Stimmung, für lustbetontes, besser, lustiges Lernen. Lernen, ohne vom Wissen, dass man gerade lernt, gestört zu werden. [Wenn es doch bloß für alle Schulfächer solche Lehrbücher gäbe?] Kein Wunder, dass ebenfalls der stets aufbruchbereite und lösungsuchende Hermann Hesse von einer Super-Pädagogik innerhalb einer unilingualen Weltsprache träumte, in der der Mensch ganz Mensch sein konnte - da er spielt. Er "träumte von einem neuen Alphabet, einer internationalen Zeichensprache, welche ähnlich der alten chinesischen Schrift es erlaube, ... in einer Weise graphisch auszudrücken, welche allen Gelehrten der Welt verständlich wäre." Mit einer Universalsprache aller sinnvollen Zeichen "zum Inbegriff des Geistigen und Musischen, zum sublimen Kult, zur Unio Mystica aller getrennten Glieder der Universitas Litterarum" ... "an Stelle von Buchstaben, Zahlen, Musiknoten oder anderer graphischer Zeichen." Literatur: Bollnow, Otto F., Probleme der Anthropologie, :Die Sammlung, Jg. 2, 56-60,1947. Hesse, Hermann, Das Glasperlenspiel, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1972. Hsia, Adrian, Hermann Hesse und China, Frankfurt a. M .: Suhrkamp, 1974. Huizinga, Johan, Homo ludens - Vom Ursprung der Kultur im Spiel (1939), Reinbek: Rowohlt, 1994. Nachbemerkung 1 Heutzutage lesen sich derartige Utopien so: "Die Wissenschaften brauchen eine neue, revolutionäre gemeinsame Sprache. ... Immer häufiger können uns die heutigen Theorien Probleme nicht mehr erklären. Es fehlt eine Wissenschaft, die die Entstehung ganzer Systeme beschreiben kann. ... Jede Disziplin verfügt über ihre Sprache und ihre Mechanismen. In den seltensten Fällen ist ein Forscher Experte in mehr als einem Fachbereich, weil diese Welten so verschieden sind. Das heißt, daß wir auf komplexe Fragen, welche mehrere Disziplinen fordern, keine Antwort finden können. ... Eine Gruppe interdisziplinärer Wissenschaftler hat sich kürzlich in Paris unter dem Namen "Foundations of Information Science" (Fis) formiert. Auch Kunsttheoretiker, Psychiater, Sprachexperten und Philosophen beteiligen sich am Diskurs. Der größte Teil der Gruppe setzt auf die "Transplantationsstrategie", bei der man die Grundlagen einer Ebene angepaßt auf eine andere überträgt. Andere halten neue Denkweisen und damit einen gänzlich neuen Ansatz für erforderlich. ... Man wird noch weitere Wissenschaftler aus innovativen Regionen aufnehmen, um jene Probleme zu ermitteln, die gelöst werden könnten, wenn diese neue Wissenschaft entdeckt ist. ... Im Informationsaustausch mittels Sprache und Symbolen bedarf es so etwas wie einer 'Sprache' auf Zellebene." Schwammiger geht es nicht. Der Autor dieser Zitate, Ted Goranson, war leitender Wissenschaftler der US-amerikanischen Militärforschungsagentur Darpa. Der Abstand zwischen pädagogischer Vision und pädagogischer Realität konnte sich in den letzten sechzig Jahren nicht wesentlich verringern. Schon die maschinelle Übersetzung von Einzelsprachen scheitert an den 'Bockigkeiten' der Grammatiken. Wie soll es bei hunderten, ja tausenden von Sprachen EINE Grammatik geben können, die ALLE verstehen? Vor einer einheitlichen Weltkommunikation steht die Kommunikation aller Weltbewohner. Dazu bedarf es eines 'talk-man', der all die Sprachen in Echtzeit übersetzen könnte, die mit den knapp fünfzig Schriftsystemen des unicode gedacht, gesagt und geschrieben werden können. Erst, wenn alle miteinander sprechen können, kann man darüber nachdenken, ob man in Zukunft nur mit einer Sprache auskommen will. Davon sind wir zum Glück weit entfernt. Der Magister Ludi hat es nur zum Autonomen Agenten gebracht, statt Glasperlenknoten sollen es jetzt sogenannte hubs mit Netzwerken richten. Lit.: Goranson, Ted, Eine neue Wissenschaft http://www.project-syndicate.org/commentary/goranson1/German Nachbemerkung 2 Schon Leibniz verzweifelte an der Fehlerfreundlichkeit von Sprachen und befürchtete Verständigungsprobleme, die über kurz oder lang zu Konflikten führen müssten. Daher forschte er an einer universellen wissenschaftlichen Formalsprache - der characteristica universalis. Deren Beschreibung konnte damals nicht ohne Gott auskommen. Alles, auch die Arithmetik, war nur ein Schattenbild dessen, was Gott in den menschlichen Verstand versenkt hatte. Folglich versuchte Leibniz, mit 'Gott als Eins' und dem 'Nichts als Null' eine logische Symbolsprache zu entwickeln. Da er sich Denken als einen Rechengang vorstellte, begann das Universalgenie die Entwicklung eines neuen Zahlensystem - mit metaphysischem Grundgestalt, mit einer Statik des Universums: "Ohne Gott ist nichts." Heraus kam keine benutzerfreundliche Weltsprache, sondern die Dyadik ("mein neues numerisches Rechensystem"), die Voraussetzung für moderne Computertechnik. Leibniz beschrieb sich als "Europäer, der sich unendlich für alles interessiert, was mit China und seinen Austausch des Wissens mit Europa zusammenhängt". Im Gegensatz zu "heidnischen Philosophen" suchte Leibniz nach Bestätigungen für den religiösen Ursprung der Zahlen. "Es gibt nichts in den Mathematikwissenschaften, das mir geeigneter erscheint [als die Dyadik], für die Zwecke der Religion gebraucht zu werden." Leibniz suchte die Nähe zur chinesischen Philosophie. Und er brauchte die Nähe zum chinesischen Kaiser - immerhin hatte er den russischen Zaren aufgefordert, als Mittler zwischen Europa und China zu fungieren. In einem Brief an den bereits oben erwähnten Pater Bouvet in Peking gibt Leibniz Einblick hinter die Kulissen seines Kreationismus: "Einfach zu sagen, daß alle Zahlen sich durch Kombinationen der Einheit mit der Null formen, und daß das Nichts genügt, um sie zu differenzieren, das erscheint genauso glaubwürdig, wie zu sagen, daß Gott alle Dinge aus Nichts erschaffen hat, ohne sich irgendeiner Urmaterie zu bedienen; und daß es nur diese beiden Urprinzipien gibt: Gott und das Nichts." Leibniz' Religiösität kannte natürlich Grenzen, wie er Bouvet mitteilt: "Und wenn Sie die eigentliche Herleitung der Erfindung dieses Rechensystems weglassen (es stammt aus der Analogie der Binär-Progression mit der Dezimal-Progression) dann erscheint die Sache umso bewundernswerter." Lit.: Leibniz, G. Wilhelm, Letter to Pater Bouvet, Braunschweig, 15.02.1701. |
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Hexagramme in der Literatur/Belletristik Die Person des Gottfried Wilhelm Leibniz in Neal Stephensons Romanreihe \"Quicksilver\" verwendet für die Verschlüsselung seiner schriftlichen Korrespondenz die Hexagramme als kryptographischen Schlüssel. Das Verfahren wird leider nicht weiter erklärt, auch ist mir nicht bekannt inwieweit diese Schilderung auf Tatsachen basiert. Denkbar für ein einfaches Verschlüsselungssystem ist die Benutzung der Hexagramme jedoch, da der Weg von der Bedeutung eines Hexagramms (z.B. U+4DC5 \"HEXAGRAM FOR CONFLICT\") zu seinem binären Zahlenwert 111010, der sich aus der Anordnung der durchbrochenen (0) und durchgehenden (1) Striche ergibt sich nicht direkt erschließt, und somit die Erkenntnis über den zur Decodierung des verschlüsselten Textes notwendigen Schlüssel erschwert.
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